Es ist um die Mittagszeit. Im Clubraum von Turbine Halle sitzen 15 Jugendliche beieinander, darunter zwei Mädchen. Konstruktives Gemurmel am großen Tisch. Vorn steht auf einer Folie: „Viele Vereine in Deutschland melden ihre A-Jugend ab. Was könnt ihr als Trainer tun, um Motivation und Freude am Fußball und am Training aufrecht zu erhalten?“
Yannic flüstert: „Süßigkeiten verteilen!“ Einige schmunzeln.
Es gibt 10 Minuten Zeit für die Frage, Einzelarbeit. Die Teilnehmer schreiben intensiv in ihre Blöcke. Als Referent Jan Tennert dann die Ergebnisse erfragt, gehen viele Hände nach oben. Die eigene Motivation stimmt also schon mal…
Junior-Lehrgang für den Süden des Bundeslands
Tennert ist auch im echten Leben Lehrer. Hier, in Ferienwoche 1, macht er fußballbegeisterte Kinder aus dem südlichen Sachsen-Anhalt zu „DFB-Junior-Coaches“. Das ist die erste Stufe vor den „richtigen“ Lizenzen (mehr Infos: https://fsa-online.de/qualifizierung-trainer-in-dfb-junior-coach)
Den Lehrgang in Halle schmeißt er zusammen mit Kevin Kluge. Ein eingespieltes Coaching-Team. Mathilda (14) berichtet, dass die Einheiten in Theorie und Praxis effektiv aufeinander aufbauen, die Stimmung und der Zusammenhalt hervorragend sei. „Die Referenten geben viele praktische Tipps und scheuen auch kritische Einwände nicht. Das ist richtig gut!“ In Ermlitz bei Schkeuditz trainiert Mathilda die Bambinis – ab sofort als qualifizierter Junior-Coach und nicht nur „einfach so“.
Sind Gummibärchen die richtigen Leckerli?
Nun aber zurück zur Frage, wie Trainer ihre Kids bei Laune halten. Weil schon drei Lehrgangs-Tage hinter der Gruppe liegen, sind deren Antworten durchaus qualifiziert: „Spieler aus der zweiten Reihe in Testspielen mal durchspielen lassen“, sagt einer. Niclas sagt über dröge Taktik/Technik-Theorie, die ja auch dazugehört: „Ich löse das dann auch mal über Quizfragen. Das finden die ganz fancy! Außerdem nutze ich einfache Begriffe, versuche ruhiges Auftreten auf Augenhöhe.“ Klingt ganz schön erwachsen. Aber Niclas trainiert, auch wenn er selbst noch minderjährig ist, schon seit drei Jahren Nachwuchsteams bei der SG Buna in Halle-Neustadt.
Die Tüte Gummibärchen fällt bei Tennert allerdings durch: „Naja, ich halte jetzt nicht soooooo viel davon. Das ist dann eher so wie ein Hund, der auf Leckerli konditioniert ist.“
Kevin Kluge merkt etwas Wichtiges an: „Es ist nicht immer nur der Fußball selbst. Seid als Trainer nicht traurig oder persönlich betroffen, wenn jemand abspringt. Die erste Freundin, andere Sportarten, neue Interessen – private und gesellschaftliche Umstände bedingen Absprünge, auch wenn ihr noch so motiviert und motivierend seid.“ Pubertät sei eben auch klassische Dropout-Phase, so steht es als professioneller Begriff vorn auf den Folien.
Vorm Mittag geht’s raus auf die Wiese
Es klopft. In der Tür erscheint ein Kopf. Die Wirtin. „Wie viele Mittagessen heute?“ Die Coaches rufen ihr eine Zahl zu. Zwischen 9 und 15 Uhr pauken die Kids, dazwischen gibt’s Essen. Es ist der einzige Kostenpunkt, der Lehrgang sonst ist kostenlos. Und reingefragt in die Runde: Essen schmeckt super!
Vor der Kulinarik geht’s aber raus. Überhaupt ist Präsenz mit hohem Praxisteil das Besondere dieses Lehrgangs. Nur möglich in den Ferien und mit Coaches, die sich dafür freinehmen können. „Viel besser so als mit den sonst üblichen Online-Anteilen“, sagen beide Coaches. Zwar sind heute zwei Teilnehmer nicht da, weil deren Zug ausfiel. Aber die holen das daheim nach und halten morgen zwei Kurz-Vorträge. Gute Lösung.
Auf dem Kunstrasen von Turbine sind dann drei Junior-Coaches in ihrer Rolle gefragt. Niclas leitet die Aktivierung an (Tennert schmunzelt: „Im Grunde genommen Neudeutsch für Erwärmung…“). Jeder muss eine Mini-Übung spontan für die Gruppe vormachen. Er startet bei Maya, der kleinen Tochter von Kevin Kluge. Super Eisbrecher, funktioniert gut. Trotzdem gibt’s Kluge-Kritik: „Alles ohne Ball. Wenn es um Kinder geht, ist das nicht gut, auch nicht bei der Erwärmung. Jede Minute ohne Ball ist eine verschenkte Minute.“
Und so geht’s weiter mit spielerischen Anteilen. Erstaunlich, welche Trainingsformen aufgerufen werden, da ist viel Kreativität dabei. Der Mittelkreis als Spielfeld. Spontaner Wechsel der Übungen. Ein Balldepot, damit die Nettospielzeit hoch ist. Gemeinsames Vorbereiten der Übungen. Schnelles Festlegen von Teams, klare Anweisungen. Kurze „Schnürsenkel-zu-Pause“.
Trotzdem – und das ist wichtiger Teil des Lehrgangs – finden beide Coaches überall auch ein Haar in der Suppe: Mehr auf Trainingsziel achten. Noch mehr Aktionen, die auf Tor-Erzielung ausgerichtet sind. Wenn es nicht läuft, Strategien entwickeln. Mehr Tore aufstellen, Spielerzahl ändern, Modus spontan wechseln.
Am fünften Tag: Das Zertifikat
Freitag ist die erste Ferienwoche vorbei. Und der Lehrgang auch. Während andere längst am Strand liegen, war dieser Ferienauftakt für 15 Nachwuchs-Coaches aus Sachsen-Anhalt in anderer Weise erfolgreich. Sie haben am letzten Tag in Praxis-Tests nachgewiesen, dass sie sich die Zertifizierung allesamt verdient haben. Durchgefallen ist keiner. Und einige aus der Runde haben schon signalisiert, dass sie alsbald mit der C-Lizenz fortsetzen möchten. Der Stadtfachverband wünscht gutes Gelingen auf diesem Weg an den Seitenlinien unserer Fußballplätze!

Die Theorie-Einheiten fanden im Clubraum bei Turbine Halle statt. Kommunikativ und engagiert auch „neben dem Platz“ dabei: Tommy Riethe (15) von der SG Buna Halle-Neustadt (vorn links). „Ich persönlich fand die Woche sehr aufschlussreich und interessant, weil ich viele neue Leute und verschiedene Methoden kennenlernen durfte.“

Froh über und stolz auf „seine“ neuen Coaches: Lehrgangsleiter Jan Tennert aus Halle.

Aktivierung als erste Phase des Trainings: „Gute Mischung, hätte aber mit Ball stattfinden sollen“, sagt Coach Kevin Kluge.

Trainingsspiel im Mittelkreis: interessanter Zuschnitt, interessante Varianten. Oder „Steuerungsmittel“, wie es im Lehrgangs-Sprech heißt. :-)

Damit’s zackig läuft: Balldepot neben der Trainingsfläche. Das erhöht die Nettospielzeit.

Coaches (Kevin Kluge links, Jan Tennert rechts) mit den neuen Junior-Coaches. Und mit Kluges Töchterchen Maya.

Rausschmeißer-Foto: Teambild-Alternative auf Augenhöhe. „Wir waren eine tolle Truppe“, loben die Coaches.
Text und Fotos: Reinhard Franke
Hinterlasse einen Kommentar